Das ist Amore

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Ich schob eine Pizza in den Ofen und stellte den Timer. Während ich wartete, schmiss ich mich auf die Couch und öffnete Instagram. Ich scrollte durch meinen Feed und bereute es sofort. Überall glückliche, lächelnde und gutaussehende Menschen. Ich hasste sie. Aber immer noch besser als die glücklichen, lächelnden und gutaussehenden Pärchen. Die hasste ich noch mehr. Es war zwar nicht echt: Ein Lächeln für die Kamera, einen Filter darüberlegen und schon sah es aus, als würde man auf Wolke 7 schweben. Trotzdem fühlte ich, wie sich mein Magen zusammenzog. Ich wollte auch auf die Wolke 7, stattdessen lungerte ich irgendwo auf Wolke 6 herum. Oder vielleicht sogar nur auf Wolke 5.
Ich schloss die App und schaute auf den Timer. Die Minutenanzeige hatte sich kaum vorwärtsbewegt. Also wechselte ich auf WhatsApp. Fiona hatte ein Update von ihrer Weltreise geschickt. Ich hörte mir die Sprachnachricht an. Sie hatte am anderen Ende der Welt einen Franzosen kennengelernt. Er nervte sie zwar mit seiner arroganten Art und Besserwisserei, aber er sah gut aus und sie hatten fantastischen Sex. Also hatte sie beschlossen, ein paar Tage mit ihm weiter zu reisen.
Ich seufzte. Am anderen Ende der Welt gab es offenbar auch keine Märchenprinzen. Egal wie oft man sie küsste, die Frösche blieben Frösche. Auch die ganzen Liebesfilme und romantischen Komödien meiner Jugend hatten sich als Märchen entpuppt. Immer wenn ich einen Mann kennengelernt hatte, war von der Verliebtheit nach ein paar Monaten nicht mehr viel geblieben. Allein war ich wenigstens auf Wolke 5, nach einiger Zeit Beziehung war ich meistens auf Wolke 2 oder 1 angekommen.
Vielleicht erwartete ich auch einfach zu viel. Ein Mann, der mich nicht betrog. Ein Mann, der keine sexistischen Kommentare von sich gab. Ein Mann ohne fragiles Ego, das bei jeder sich bietenden Gelegenheit in sich zusammenfiel. Ein Mann, der im Haushalt half, und zwar nicht erst nach der dritten Aufforderung. Mittlerweile war jeder, der den Klodeckel nach unten machte und Frauen nicht als Objekt betrachtete, ein guter Fang. Nicht sehr romantisch.
Immerhin hatte Fiona guten Sex. Das war mehr als ich behaupten konnte. Nicht dass ich keinen Sex hatte, aber wirklich gut war er meistens nicht. Es ging meistens nur um den Mann. Mein Orgasmus diente eher seinem Ego und sollte zeigen, was für ein toller Hengst er war. Da war es allein mit meinem kleinen Freund aus der Nachttischschublade oft besser.
Wenigstens hatte ich Pizza. Ich schaute wieder auf den Timer. Immer noch viel zu lange, bis sie endlich fertig war. Mein Finger schwebte über Tinder. Vielleicht sollte ich dem Online-Dating doch nochmal eine Chance geben. Wolke 5 konnte es ja auch nicht gewesen sein. Außerdem hatte ich ja sowieso nichts zu tun, während ich sehnsüchtig auf den Alarm des Timers wartete.
Auf dem ersten Profil sprangen mir auf drei verschiedenen Bildern Muskeln und Hanteln entgegen. Ich wischte den Gym Bro zur Seite, ohne mir den Rest des Profils weiter anzuschauen. Offenbar verbrachte er seine ganze Zeit im Fitnessstudio, wo er entweder trainierte, seinen Bizeps im Spiegel betrachtete oder eines von beiden fotografisch festhielt. Seine Persönlichkeit schien nur aus Training zu bestehen. Zumindest hatte er es nicht geschafft, eine weitere Facette aus seinem Leben zu zeigen. Wen wollte er damit eigentlich beeindrucken? Frauen oder doch eher seine Kumpels aus dem Fitnessstudio? Also weiter...
Der nächste hatte sehr deutlich beim Alter gelogen. Er hatte angegeben, 25 zu sein, sah aber eher wie 60 aus und schrieb auch so. Was erhoffte er sich davon? Dass eine Frau sich beim ersten Date unsterblich in ihn (oder sein Geld?) verliebte, sodass sie darüber hinwegsah, dass er sie angelogen hatte? Und warum wollte er eine Freundin, die halb so alt war wie er? Eine gleichberechtigte Beziehung auf Augenhöhe offensichtlich nicht. Weiter...
Mann Nummer drei hatte eine schöne, empathische Beschreibung. Ich hätte gerne nach rechts gewischt, aber es ging einfach nicht. Vom Aussehen war er überhaupt nicht mein Typ. Nein, das war zu nett formuliert. Immerhin war ich mit mir allein. Er war hässlich. Sorry! Weiter... Sobald ich nach links gewischt hatte, bereute ich es. Er schien genau der Typ Mann zu sein, den ich suchte. War das Aussehen so wichtig? Eigentlich war ich nicht besser als der Gym Bro. Andererseits: Körperliche Anziehung war doch auch wichtig.
Endlich mal einer mit einem netten Bild. Ich las etwas weiter. Er suchte eine nette deutsche Frau, so wie sie es heute nicht mehr geben würde. Nur noch Emanzen. Und Vegetarierinnen oder Musliminnen. Alles Frauen, die nicht mit ihm sein Schweineschnitzel teilen wollten. Na toll, sexistisch und xenophob. Ob es ihm wohl bewusst war, dass er sich zumindest bei der Partnersuche gar nicht so sehr von den Islamisten, vor denen er so Angst hatte, unterschied? Beide suchten eine Frau, die brav daheim am Herd stand. Nur in seinem Fall musste es eben eine Blondine sein. Weiter...
Nochmal einer mit einem sympathischen Bild. Leider bestand sein restliches Profil daraus, dass er sich selbst lobte, wie gut er im Bett sei. Damit musste er wohl kompensieren, dass die Realität deutlich anders aussah. Oder er war ein Narzisst. Weiter...
Als nächstes kam ein kleiner Mann mit Glatze und Bierbauch. Er selbst hielt sich aber anscheinend eher für George Clooney. In jedem Fall erklärte er auf einer halben Seite, wie seine Traumfrau aussehen müsse. Zu Charaktereigenschaften oder Interessen schrieb er jedoch nichts. Ich vermutete, dass die Frau vor allem für seine Kumpels gut aussehen musste, die sich ständig über seine Körpergröße lustig machten. Was ein Topmodel an dem Mann gut finden sollte, stand leider nicht im Profil. Weiter...
Ich konnte es kaum glauben. Der nächste Mann sah attraktiv aus und hatte ein einnehmendes Lächeln. Auch seine Beschreibung sprach mich an. Er schien sich nicht so wichtig zu nehmen und wir hatten einige gemeinsame Interessen. Ich wischte nach rechts. Vielleicht gab es ja doch noch Märchenprinzen.
Während ich kurz den Timer checkte (die Pizza war leider immer noch nicht fertig), teilte mir mein Handy mit, dass ich ein Match habe. Mein Herz machte einen kleinen Sprung und ich lächelte. Vielleicht hatte ich die Hoffnung auf Wolke 7 doch zu früh aufgegeben.
Der Typ hatte auch gleich geschrieben:
„Hey :)“
Viel weniger Mühe konnte man sich nicht geben. Aber gut, vielleicht war er schüchtern und ich musste ihn nur etwas aus der Reserve locken. Ich schrieb zurück:
„Hallo! Schön, dass wir ein Match haben. Wie geht es dir? Was hast du heute Schönes gemacht?“
Seine Antwort:
„Du bist eine richtige Zuckerschnecke. Ich würde dich echt gerne vernaschen!“
Puff, und schon hatte sich Wolke 7 wieder aufgelöst und ich stürzte zurück auf Wolke 5. In mir breitete sich ein leeres Gefühl aus. Ich ärgerte mich mehr über mich selbst als über den Mann. Ich hatte sofort Hoffnung gehabt und über beide Ohren ins Handy gegrinst. Warum war ich immer noch nicht schlauer? Genug Tinder für heute.
Der Pizzageruch wurde stärker. Ich schielte auf den Timer. Wenigstens nur noch zwei Minuten, bis ich mir ein Stück Himmel in den Mund schieben konnte. Nichts konnte mich so glücklich machen wie geschmolzener Käse. Vielleicht sollte ich einen der Männer mit Käse überbacken?
Eine WhatsApp-Nachricht meiner besten Freundin Priya poppte auf. Sie erkundigte sich nach meinem Tag und fragte, wie meine Präsentation auf der Arbeit gelaufen war. Gleichzeitig verkündete der Timer, dass die Pizza fertig war. Pizza und Priya. Mehr brauchte ich doch eigentlich gar nicht. Warum versuchte ich eigentlich Wolke 7 mit einem Mann zu erreichen? Ich hatte doch etwas viel Besseres, sozusagen Wolke 7a.
Ich holte die Pizza und nahm einen ersten Bissen. Göttlich. Während ich die Pizza aß, brachten Priya und ich uns auf den neusten Stand. Ich erzählte ihr von den ganzen Tinder-Typen. Sie antwortete:
„Kein Wunder, dass es die male loneliness epidemic gibt. Was davon ist auch nur im Geringsten attraktiv?“
Eine Mitteilung von Tinder ploppte auf. Der Zuckerschnecken-Typ hatte mir ein Dickpic geschickt.
Ich schrieb Priya:
„Was an meiner Nachricht lässt ihn vermuten, dass ich jetzt in diesem Moment unbedingt seinen Penis sehen muss? Wenn er wenigstens gut in Szene gesetzt wäre, aber der Typ hat sich nicht mal damit Mühe gegeben...“
„Girl, ich esse gerade. Du hättest mich fast umgebracht. Vor Lachen verschluckt und gestorben. Das wäre doch mal eine Schlagzeile. Noch besser als damals, als wir in hochhackigen Schuhen durch den Wald gestiefelt sind, weil du angeblich einen echt guten Club auf Maps gesehen hast. Aber weißt du was? Es war trotzdem ein geiler Abend. Und ich sterbe immer noch lieber bei einem Gespräch mit dir als an einer anderen Sache. Ich liebe dich!“
Sie hatte recht. Ich liebte sie auch. Ich löschte Tinder. Dann nahm ich einen Bissen vom letzten Stück Pizza. Ich schloss die Augen und genoss den fettigen Geschmack des geschmolzenen Käses. In der Ferne konnte ich Dean Martin „That’s amore“ singen hören.
Ich war auf Wolke 7a.
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